Horst Jürgen Helle

Auf dem Weg zur matrilinearen Gesellschaft?

Kurzfassung

Betrachtet man "Familie" nicht nur als Ausschnitt aus der Alltagswelt des einzelnen sondern : auch als soziales Gebilde zur Verleihung von Mitgliedschaft in einem Verwandtschaftsverband (kinship), so kann man Typen von Familien danach unterscheiden, nach welchen Abstammungsregeln jeweils Verwandtschaftsbindungen hergestellt werden. Eine idealtypische Konstruktion führt zur Familie der matrilinearen, der patrilinearen und der bilateralen Gesellschaft mit je typenspezifach eigener Wertorientierung. Die matrilineare Abstammungsordnung zeichnet sich u a. dadurch aus, daß dort auf Ehe verzichtet werden kann: In der Abfolge Mutter - Tochter kann über eine unbegrenzte Zahl von Generationen hinweg die Existenz und Kontinuität eines Verwandtschaftsverbandes ehelos aufrecht erhalten werden. Da in der Wertorientierung das Konzept "Vaterschaft" fehlt oder niedrig rangiert, können Sexualbeziehungen relativ flexibel institutionalisiert sein, und im Falle des Partnerkonflikts erscheint der Mann als austauschbar, während die Kinder bei der Frau bleiben. Bei dem Versuch, die Idealtypen auf empirische Daten aus Industriegesellschaften zu beziehen, wird erwogen, ob einige Trends als Entwicklung hin zu einer matrilinearen Teilkultur gedeutet werden können.

1. Absicht und Methode

Dem als Frage formulierten Titel liegt die These zugrunde, daß in den westlichen Industriegesellschaften von einer einheitlichen Kultur im Bereich von Familienformen und Geschlechterrollen nicht mehr die Rede sein kann. Dementsprechend wird unterstellt, daß mehrere Teilkulturen nebeneinander bestehen ,denen je eigene Wertorientierungen und Familienformen entsprechen. Eine solche Sicht der sozialen Wirklichkeit findet im Dritten Familienbericht Berücksichtigung. Die Bundesregierung bekennt sich zu einer Familienpolitik, die den Bürgern des Landes die freie Wahl zwischen alternativen Formen ehelichen und familialen Lebens ermöglicht. In der Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht der Sachverständigen- kommission fur den Dritten Familienbericht heißt es: "Der freiheitlichen Grundordnung entspricht eine Familienpolitik, die den Familien erleichtert, nach eigener Wertorientierung ohne staatliche Einengung ... zu entscheiden ..''1

Eine der Aufgaben dieser Arbeit ist es, die zur Wahl stehenden Alternativen idealtypisch zu beschreiben. Dabei ist eine der Teilkulturen die im Thema genannte matrilineare Gesellschaft", auf die ausdrücklich der Satz aus dem Dritten Familien bericht bezogen wird: "Die Familienpolitik der Bundesregierung trägt dazu bei, die Voraussetzungen für diese Wahlfreiheit zu verbessern."2 Rita Süßmuth hat in ihrem Beitrag zum Bremer Soziologentag darauf hingewiesen, welche zentrale Bedeutung der Rollenwandel der Frau hat und daß Frauen unter unerträglichen Druck geraten, wenn sie nicht zwischen alternativen Modellen wählen, sondern versuchen, alle ihnen in modernen Industriegesellschaften angebotenen Handlungsmöglichkeiten auch zu realisieren. Dieses Überforderungssyndrom ist als "super woman squeeze" bezeichnet worden. Wir folgen Hartmann Tyrell in seiner Kritik an der bisherigen familiensoziologischen Forschung. Die Daten der familienbezogenen empirischen Sozialforschung und der amtlichen Statistik lassen sich nur unzureichend auswerten, solange kein anspruchsvoller theoretischer Bezugsrahmen fur eine Interpretation zur Verfügung steht. Bei dem Versuch, in diese Richtung einen Schritt zu tun, wird hier das Verfahren der theoretischen Konstruktion von Idealtypen nach Max Weber kombiniert mit der Methode der Mehrebenenanalyse. Zunächst soll auf der Individualebene der Wandel der Geschlechterrollen, insbesondere der Rolle der Frau behandelt werden. In einem weiteren Abschnitt über Kulturtypen und Wertorientierungen werden auf der Aggregatebene Alternativen entwickelt. Sodann sollen Abstammungsordnungen und Familienformen auf der Gruppenebene die Individualebene mit der Aggregatebene verbinden. Zum Schluß wird Matrilinearität als das wahrscheinlichere Modell dargestellt, zu dem es in modernen Industriegesellschaften einige deutliche Tendenzen gibt.

2. Geschlechterrollen als Kulturphänomene

Im Laufe der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte ist das Spektrum, innerhalb dessen männliches oder frauliches Verhalten bewundert oder mindestens als akzeptabel gebilligt wurde, erheblich ausgeweitet worden. Dieser Wandel betrifft anscheinend die Rolle der Frau mehr noch als die des Mannes: Einerseits besteht die Kontinuität jener Frauenrolle fort, in deren Zentrum die Ehefrau und Mutter als Schöpferin eines "Zuhauses" steht, andererseits nimmt die Zahl jener Frauen zu, die in Großorganisationen der Wirtschaft, der Verwaltung und des Militärs berufstätig werden. Auf den ersten Blick stellt sich diese gewachsene Divergenz innerhalb der Frauenrolle dar als die Alternative: Frau als Mutter —kinderlose Frau. Doch einer genaueren Prüfung der Fakten hält diese Alternative nicht stand. Die Zahl auch berufstätiger Mütter von noch nicht volljährigen Kindern hat stark zugenommen. Mütter von Kindern unter fünfzehn Jahren waren im Jahre 1961 in der Bundesrepublik Deutschland zu 35 % berufstätig, im Jahre 1976 zu 40 %.3

Auch im Bereich des Militärs nimmt die Bedeutung der Frau von Jahr zu Jahr zu. Dies gilt in Europa zum Beispiel für Schweden und die Niederlande. Die Streitkräfte der USA, die in Europa stationiert sind, beschäftigen etwa 12.000 Frauen, die überwiegend 18 bis 25 Jahre alt und Inhaberinnen der niedrigsten militärischen Ränge sind. Stets sind rund 14 % dieser weiblichen Streitkräfte schwanger.

Mehr als 1.000 dieser Soldatinnen brachten 1978 ein Kind zur Welt. Das sind, bezogen auf 12.000 Frauen in Europa, weniger als 14 %. Die Differenz erklärt sich zum Teil als Abtreibungen, zum anderen Teil als statistischer Effekt von Fällen der Rückversetzung in die USA oder von Fällen völligen Ausscheidens aus dem Militärdienst.4 Diese Zahlen zeigen, daß sich die Unterscheidung zwischen Frau als Mutter und kinderloser Frau nicht mit der Unterscheidung zwischen "Zuhause" und "Großorganisation" deckt. Die Frauenbewegungen, die in der Tradition der ehemals calvinistisch christlichen Kultur stehen, betrachten es zum Beispiel in den USA und in den Niederlanden als Fortschritt, daß dort Matrosinnen auf Kriegsschiffen zur See fahren. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es erhebliche Einwände gegen die Frau in Uniform, und zwar nicht nur im konservativen Lager, sondern auch z.B. bei den Jungsozialisten, deren Vorsitzender Willy Piecyk die Bewaffnung von Frauen als Widerspruch zu Abrüstungsbemübungen abgelehnt hat.5

Um unterschiedliche Sichtweisen der Frauenrolle zu typisieren, eignet sich die Gegenüberstellung Frau als Mutter und kinderlose Frau nur bedingt. Eine andere Zweiteilung knüpft bei der Bestimmung fraulichen Tuns als Arbeit an. Die alltagssprachliche Aussage, nach der die berufstätige Frau arbeitet, die Hausfrau dagegen nicht, ist wenig sinnvoll. Eine wissenschaftlich brauchbare Begriffsbestimmung, wie sie von Beck und Brater6 vorgelegt wurde, unterscheidet Arbeit als Produktion von Gütern und Diensten für Verwandte und persönlich bekannte Personen von Arbeit als Produktion für Unbekannte, vermittelt durch den Markt. Der erste Typ von Arbeit ist charakteristisch für die Hauswirtschaft, der zweite für die Markt- und Geldwirtschaft. Unterschiede im geschlechtspezifischen Verhalten von Frauen entstehen nicht dadurch, daß einige Frauen arbeiten und andere nicht, sondern dadurch, daß bei der Arbeit einige Frauen die sozialen Bedingungen der Hauswirtschaft, andere jene der Markt-und Geldwirtschaft bevorzugen.

Betrachtet man nun die Ausgestaltung von Geschlechterrollen als Kulturphänomene in vorindustriellen Gesellschaften, dann zeigt sich, daß dort auf der Grundlage biologischer Gegebenheiten soziale Normen errichtet wurden. Damit aber solche Normen als legitim und annehmbar erlebt werden konnten, mußten sie zu kulturellen Werten in Beziehung stehen. Ein interkultureller Vergleich historischer Daten führt zu der Einsicht, daß das Optimum, das eine Kultur im Bereich der Geschlechterrollen verwirklichen kann, dann gegeben ist, wenn die spezifischen Fähigkeiten der Geschlechter zum Einsatz kommen können und wenn biologische Schwächen, die Mann oder Frau relativ zueinander durchschnittlich haben, in der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern kompensiert werden. Was das empirisch konkret bedeutet, muß unter den Bedingungen sozialen Wandels immer wieder neu bestimmt werden.

Die traditionellen und der Tendenz nach einförmigen Definitionen der Geschlechterrollen sind in der Gegenwart von immer mehr Personen als zu eng und unfrei erlebt worden. Als Alternative zur Tradition versuchten daher viele einzelne, ihren je eigenen ganz persönlichen Stil des Mannseins oder Frauseins zu verwirkliehen. Diese Befreiungsbemühung birgt in sich die Gefahr des Scheiterns, wobei dann nicht der erhoffte Gewinn an Freiheit das Ergebnis ist sondern Konfusion an die Stelle von Konformität tritt.7

Das Risiko, in Konfusion zu geraten, ergibt sich aus der Neigung, zusammenhanglos Verhaltensweisen spontan auszuwählen, wie das der Konsument in einem Selbstbedienungsladen tut. Zur Vermeidung von Konfusion ist es nötig, situationsbedingte Verhaltensweisen in ein Verhaltensmuster zu integrieren, dessen situationsunabhängiger innerer Zusammenhang sichtbar wird. Ein solches Muster oder ein: solcher persönlicher Stil mag das Ergebnis individueller Kreativität oder des Verfahrens von "trial and error" sein. Es ist potentiell immer sowohl Ausdruck der unverwechselbaren Individualität der einzelnen Person als auch Kriterium über oder seiner Mitgliedschaft in einer Bezugsgruppe mit spezifischen Werthaltungen. So können individuelle Verhaltensmuster gedeutet werden wie Abzeichen mit der Aussage: Ich handle als Frau bzw. als Mann so, weil ich der Gruppe XYZ angehöre.

Anstatt nun in der soziologischen Analyse die zunehmenden Unterschiede im geschlechtspezifischen Verhalten innerhalb einer Geschlechterrolle als Ausdruck und Folge der Wahlfreiheit des Individuums zu deuten—was sie fraglos sind—soll versucht werden, solche Unterschiede als Symptome der realen oder potentiellen Mitgliedschaft einzelner in unterschiedlichen Kulturen zu interpretieren. Diese Verknüpfung wäre methodisch die Verbindung von Individualebene und Aggregatebene. Sie ist zudem gerechtfertigt aufgrund der Beobachtung, daß Menschen nach Sinn streben und daß sie es auf lange Sicht nicht ertragen, wenn ihr Tun anderen oder gar ihnen selbst als sinnlos erscheint. Zwar ist ein Individuum fähig dazu, ein eigenes Verhaltensmuster als persönlichen Stil zu schaffen, doch es hängt stets von einer Gruppenmeinung ab, wenn es ihm darauf ankommt, sein individuelles Tun als sinnerfüllt zu definieren. Konflikte zwischen Vertretern alternativer Geschlechterrollenkonzepte können aus einer solchen methodischen Perspektive gedeutet werden als Versuche, für die eine oder die andere Teilkultur der Gegenwart Anhänger zu gewinnen.

3. Kulturtypen und Wertorientierungen

Wegen ihrer großen Bedeutung für die Steuerung sozialen Handelns dienen Werte der Identifikation einer Kultur oder einer Reihe von Kulturen desselben Typs Im folgenden sollen Kulturen auf drei Ebenen voneinander unterschieden werden: auf der Ebene der Wertorientierung8, der wirtschaftlichen Produktivität und der Familienform.

Der Zugang zum Bereich der Wertorientierung erfolgt aus der Perspektive der Kreativität, die einem der beiden Geschlechter als Gruppe aller Frauen bzw. aller Männer einer Gesellschaft zugeschrieben wird. Solche Zuschreibungen berohen in traditionalen Gesellschaften auf religiös fundierter sozialer Definition in der Form einer "Heiligen Familie". Die Mitglieder jener durch soziale Definition konstruierten Gruppen heiliger Personen repräsentieren als Orientierungsmodelle alle Menschen desselben Geschlechts, und durch Identifikation kann das sterbliche Individuum an der Kreativität der heiligen Person seines eigenen Geschlechts partizipieren.

Je älter eine "Heilige Familie", je größer ihr Abstand in der Religionsgeschichte von der Gegenwart, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß in ihrem Zentrum eine Frau als Mutterfigur steht. Um die Zeit 4000 v. Chr. dominierte die Muttergöttin in den meisten Kulturen der Mittelmeerländer, und etwa um 2000 v. Chr. ereignete sich eine machtvolle Renaissance der Mutterreligionen. In den Schöpfungsmythen dieser frühen Religionen wird die Erschaffung der ersten Menschen als Geburtsakt dargestellt. Von den Urmuttergöttinnen wurde geglaubt, sie seien aus sich selbst heraus kreativ und bedürften zur Realisierung ihrer Potenzen keineswegs der Mitwirkung eines männlichen Wesens. Die Wertorientierung, die sich aus solchen religiösen Vorstellungen herleitet, bildet die Grundlage eines Kulturtyps, den wir "Frauenzentrierte Kultur" (FZ-Kultur) nennen. Einige Frauengruppen der Gegenwart haben ähnliche Wertmuster entwickelt, aufgrund derer sich eine Frau z.B. ein Kind wünscht, ohne jedoch auch einen Ehemann und Vater für das Kind zu wollen.

Die Antithese zur FZ-Wertorientierung ist der männliche Schöpfergott, der als Vater geglaubt wird, obwohl er, wie in den beiden Schöpfungsberichten des Alten Testaments dargestellt, der alleinige Ursprung allen Lebens zu sein beansprucht, also für die Aktualisierung seiner Potenzen die Mitwirkung keiner anderen und schon gar nicht einer weiblichen Person braucht. Die Wertorientierung, die diesem Religionsmodell entspricht, ist Kennzeichen der "Männerzentrierten Kultur" (MZ-Kultur). Wenn christliche Theologen ein wenig mehr Phantasie hätten, könnten sie ihre "Heilige Familie" darstellen als Synthese zwischen FZ-Werten und MZ-Werten: William Lloyd Warner hat vor mehr als zwanzig Jahren auf diese Möglichkeit hingewiesen.9 Während Adam von einem autonomen und auf sich allein gestellten Vatergott geschaffen wurde, geschah die Menschwerdung Jesu nach christlichem Verständnis erst aufgrund der Zustimmung einer Frau und ihrer Bereitschaft, als Mutter daran mitzuwirken. Wie immer dem auch sei und völlig unabhängig von theologischen Aussagen liegt es jedenfalls nahe, sich eine Wertorientierung vorzustellen und als Idealtyp gedanklich zu konstruieren, in der Kreativität nicht der fraulichen oder männlichen Form menschlicher Existenz zugeschrieben wird, sondern der Interaktion zwischen beiden Formen menschlicher Existenz. Die auf einem solchen Konzept aufruhende Kultur nennen wir "Kultur der Mann-Frau-lnteraktion" (MF-Kultur).

4. Kulturtyp und wirtschaftliche Produktivität

Wenn in einer Kultur Kreativität primär als eine Qualität der Frau definiert ist (FZ-Kultur), entscheidet sich der soziale Status einer Person weitgehend danach wer ihre weiblichen Vorfahren sind. Daher neigen Kulturen des FZ-Typs dazu, matrilineare Abstammungsordnungen zu stabilisieren. David F. Aberle hat dargelegt, daß sich Matrilinearität mit größter Wahrscheinlichkeit auf der Grundlage einer Gartenbaukultur entwickelt, in der die Frau durch ihre Landarbeit die kontinuierliche Versorgung mit Nahrung garantiert. Die Männer mögen sich als Krieger und Jäger betätigen, doch ihr Beitrag zur Nahrungsmittelbeschaffung ist ungewiß und unzureichend. Wenn jedoch die Kooperation der Männer in größeren Verbänden in den Dienst der Güterproduktion gestellt wird, endet zumeist die Matrilinearität der Gesellschaft. Eine zunehmende Bedeutung des Privateigentums etwa von zahmem Vieh in den Händen von Männern - also Eigentum, das man aufteilen kann und das sich vermehrt - sowie allgemein Verfügungsgewalt der Männer über die wichtigsten Produktionsmittel und die Regelung des wirtschaftlichen und politischen Lebens durch überfamiliale Zusammenschlüsse, die nicht auf Verwandtschaft beruhen, signalisieren sowohl einen Anstieg der wirtschaftlichen Produktivität, als auch einen Übergang von der FZ-Kultur zur MZ-Kultur.10 Angesichts dieser Forschungsergebnisse, die Aberle vorträgt, kann man die Hypothese formulieren, daß in modernen Industriegesellschaften die Produktivität der Wirtschaft in dem Maße rückläufig sein wird, in dem der Einfluß der FZ-Kultur zunimmt. Japan ist vermutlich in der Gegenwart diejenige Industrienation, in der der FZ-Einfluß am geringsten ist.

Kathleen Gough hat darauf hingewiesen, daß die matrilineare Qualität einer Kultur schwindet, wenn bürokratische politische Strukturen entstehen oder wenn ein matrilineares System eine Markt- und Geldwirtschaft entwickelt.ll Bei extrem hohem Lebensstandard jedoch, wie in den USA oder Teilen Westeuropas heute, kann die Gesellschaft es einigen Minderheitsgruppen gestatten, sich von der Teilnahme an den Anstrengungen wirtschaftlicher Güterproduktion zu dispensieren und als Nonkonformisten und Anhänger einer FZ-Wertorientierung zu leben. Die sozialwissenschaftliche Forschung könnte sich besonders der Frage zuwenden, ob die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von FZ-Kulturen in Industriegesellschaften in dem Maße zunimmt, in dem die Sozialgesetzgebung der Regierung die Aufgabe überträgt, den Bürgern des Landes Geld nach ihren Bedürfnissen zuzuweisen, anstatt nach ihren Leistungen. Ein solcher Trend zur leistungsunabhängigen, bedürfnisgerechten Versorgung vergrößert für die betroffenen Bevölkerungsteile die Möglichkeit, wirtschaftlich vom Markt unabhängig zu werden.

Wenn Kreativität in einer Kultur als typische Eigenschaft der männlichen Version menschlicher Existenz definiert ist, hängt der soziale Status des einzelnen davon ab, wer seine männlichen Vorfahren sind. Das erklärt, warum MZ-Kulturen patrilineare Abstammungsordnungen stabilisieren. Die Untersuchungen von David F. Aberle "deuten darauf hin, daß das Rind der Feind der Matrilinearität und der Freund der Patrilinearität ist. Wird das Rind vor den Pflug gespannt, dann entsteht gar eine Tendenz zur Bilateralität, obwohl Patrilinearität sehr wohl erhalten bleiben kann."12

Über die Eingeborenenkulturen Afrikas schreibt Aberle: "Landkarten von der geographischen Verbreitung von Rindern und der Tse-Tse-Fliege südlich des tropischen Regenwaldes geben starken Anlaß zu dem Eindruck, daß die meisten matrilinearen Völker in Gegenden leben, in denen es die Tse-Tse-Fliege unmöglich macht, Rinder zu züchten. 13 Aber in Kulturen mit Großtierhaltung und dem Weiden von Großtierherden durch Hirten wird die Arbeit des Viehzüchters und Hirten von Männern ausgeübt. Die große Mehrheit der Hirtenkulturen hat patrilineare Abstammungsordnungen. 14

In der entsprechenden religiösen Symbolwelt ist selbst der "Herr ... mein Hirte" und "mir wird nichts mangeln", weil die Produktion für den Markt ganz in den Händen der Männer liegt. Sie haben die Körperkraft, die für den Umgang mit Großvieh nützlich ist, und sie führen daher das Vieh zum Verkauf an anonyme Abnehmer auf den Markt. Die wirtschaftliche Bedeutung der Hauswirtschaft in Frauenhand war an Hack- und Gartenbau und eine seßhafte Lebensweise gebunden. Die hohe geographische Mobilität der Hirtenkulturen riß die Frauen vom Boden los und schwächte damit ihre Chance einer hauswirtschaftlichen Güterproduktion im Garten.

Das höchste Produktivitätsniveau einer vorindustriellen Kultur wird dann erreicht, wenn Männergruppe und Frauengruppe ihre je geschlechtspezifischen Produktionsstile kombinieren: In den seßhaften Kulturen der Mann-Frau-lnteraktion (MF-Kulturen) praktizieren die Frauen Gartenbau, Geflügelzucht, Kleintierhaltung und Textilproduktion im Bereich der Hauswirtschaft, während die Männer den Ackerbau und die Großviehhaltung für den Markt übernehmen. Diese Form der Arbeitsteilung ist in den MF-Kulturen vorherrschend gewesen und bis zur Industrialisierung durch viele Jahrhunderte hindurch stabil geblieben.

5. Abstammungsordnungen und Familienformen

Die FZ-Familie basiert auf der Mutter-Kind-Dyade und legt wenig oder kein Gewicht auf Vaterschaft. Sie stabilisiert die Persönlichkeit der Tochter besser als die des Sohnes, weil die Kontinuität des Verwandtschaftsverbandes von der Mutter auf die Tochter übergeht, Geschlechtsverkehr wird im Kontext der FZ-Kultur primär als Lusterlebnis und nicht als ein Handeln zum Zeugen und Empfangen von Nachwuchs gesehen. Da Vaterschaft kein zentrales Konzept darstellt, braucht man nicht unbedingt zu wissen, von welchem Mann eine Schwangere empfangen hat. Deshalb sind die Sexualnormen nicht restriktiv sondern können eher permissiv sein. Da stabile Mann-Frau-Beziehungen nicht auf Ehe sondern auf Blutsbanden beruhen, ist die zentrale männliche Gestalt der FZ-Familie nicht der Sexualpartner der Frau sondern ihr Bruder, ihr Onkel mütterlicherseits oder ihr erwachsener Sohn. Diese genannten Männer sind für die Frau nach dem Inzesttabu tabuisiert. Infolgedessen wird der Binnenraum der FZ-Familie von Sexualität freigehalten, abgesehen von der Möglichkeit, daB der Sexualpartner der Frau vorübergehend und gastweise zugelassen wird. Scheidung hat die Form einer Entlassung des Mannes: Die Kinder bleiben bei der Mutter.

Die MZ-Familie beruht auf der Vater-Kind-Beziehung und läßt die Möglichkeit einer Entlassung der Frau offen. Ein neugeborenes Kind wird durch die Vermittlung seines Vaters Mitglied eines Verwandtschaftsverbandes und der Gesellschaft. Folglich kann die Familie zur Stabilisierung der Persönlichkeit des Sohnes einen größeren Beitrag leisten als zu der der Tochter. Würde eine junge Frau nicht streng bewacht, um jede Möglichkeit des Sexualkontakts von ihr fernzuhalten, so würde kein Mann sie heiraten wollen aus Furcht, sie könnte schon von einem anderen Mann empfangen haben. Legitime Sexualität ist auf den Geschlechtsverkehr zwischen Verheirateten beschränkt. Heirat bedeutet, daß die Frau die Mitgliedschaft in ihrer Familie aufgibt und durch den Initiationsritus der Trauung Vollmitglied in der Familie ihres Mannes wird. Diese Kriterien beschreiben recht genau die Mehrheit der Familien im heutigen Japan.15

Die MF-Familie basiert auf der Mann-Frau-Beziehung, der die Eltern-KindBeziehung untergeordnet ist. Falls eine Ehe kinderlos bleibt, tangiert das die Gültigkeit der Ehe nicht. Heirat bedeutet die Verschmelzung zweier Verwandtschaftsverbände zu einem einzigen. Ehescheidung wird abgelehnt, weil sie die Rückgängigmachung einer solchen Verschmelzung zweier Clans erfordern würde. Da Vaterschaff auch hier ein bedeutendes Konzept darstellt, da also die Feststellung des Vaters unbezweifelbar möglich sein muß, sind die Sexualnormen ähnlich restriktiv institutionalisiert wie unter den Bedingungen der MZ-Kultur.

Übersicht über die Merkmole dreier KuIturtypen

Kulturtyp FZ-Kultur MZ-Kultur MF-Kultur Abstammungsordnung matrilinear patrilinear bilateral Produktionsweise Hack- und Gartenbau nomadisches Hirtenwesen Pfugkultur und Gartenbau Wirtschaftsform Hauswirtschaft Geld- und Marktwirtschaft sowohl Haus- als auch Geld- und Marktwirtschaft Zentrales Paar der Familie Mutter-Tochter Vater-Sohn Ehemann-Ehefrau Sexualnorm permissiv restriktiv restriktiv Stabilisierung Blutsbande (Onkel, Bruder, Sohn) Nachwuchs („Mütter meiner Söhne) Eheintimität Scheidungsform Entlassung des Mannes Entlassung der Frau Verfeindung zweier Clans

Durch Merkmalskombination kann im Anschluß an die vorstehende Tabelle die Konstruktion der Idealtypen dreier Teilkulturen in Industriegesellschaften versucht werden:

a) Frauenzentrierte Teilkulturen

Idealtypisch gehört zur frauenzentrierten Teilkultur das Wertsystem autonom fraulicher Kreativität. Die Kreativität kann jedoch nicht die isolierte Frau aus sich heraus sich selbst zuschreiben, sondern sie wird ihr aufgrund ihrer Mitgliedschaft in dem Gesamtverband der Frauen zuerkannt. Die Abstammungsordnung dieses Idealtyps einer Teilkultur ist matrilinear weil die Frau ihrem Ehepartner die Mitgliedschaft in der Gesellschaft über ihre eigene Mitgliedschaft in der zentralen Frauengruppe vermitteln kann. Daraus folgt auch, daß bei der Partnerwahl die Frau die Initiative ergreift und sich aus dem Kreis der heiratsfähigen Männer den passenden Ehemann aussucht (vgl. Carmen). Ihre zentrale Stellung im Intimbereich ist durch Wertsystem und Abstammungsordnung als Vermittlung der Mitgliedschaft legitimiert. Sollte es zu einer Ehescheidung kommen, so wird der Mann entlassen und etwa vorhandene Kinder bleiben bei der Mutter.
Realtypisch können die verschiedenen Frauenbewegungen als graduelle Abweichungen von diesem Idealtyp beschrieben werden. Sie formulieren durchweg den Anspruch autonom fraulicher Kreativität, bilden auch Frauengruppen, die sich jedoch meist als Randphänomene der Gesellschaft etablieren und daher nicht wirksam Mitgliedschaft an Männer und Kinder vermitteln können. Im Frauenzentrierten Ehetyp bleibt die Herrschaft der Frau unzureichend legitimiert, weil die Legitimation durchweg allein über den autonomen Einkommenserwerb versucht wird. So degeneriert frauliche
Dominanz innerhalb dieses Realtyps häutig zu einer von Legitimationsschwäche gezeichneten Machtausübung. Darüber hinaus ist der Stellenwert der Ehe als Institution nicht hoch veranschlagt. Mutterschaft wird nicht unbedingt an Ehe gebunden und im Kontext matrilinearer Vermittlung der Mitgliedschaft ist dies auch konsequent. Weil aber, wie erwähnt, für eine wirksame Matrilinearität die zentrale Frauengruppe normalerweise fehlt, verstärkt eine Emanzipation der Mutterschaft von Ehe—sei es als gewollte uneheliche Mutterschaft, sei es im Anschlug an eine Ehescheidung in der Form der Entlassung des Mannes - nur noch die Isolierung der Mutter-Kind(er)Gruppe. Da Ehescheidung in aller Regel die Form einer Entlassung des Mannes aus der Mutter-Kind(er)-Gruppe hat, besteht ein ernstzunehmender Trend in Richtung auf diese Teilkultur.
Die weitverbreitete Anwendung von Ovulationshemmern wäre darauf zu überprüfen, ob sie einen Einfluß auf das Wertsystem der beteiligten Personen ausübt. Die mit der Erstellung des Dritten Familienberichts beauftragte Sachverständigenkommission hat ihren Umfragen entnommen, daS etwa 30 % aller Frauen im gebärfähigen Alter regelmäßig die empfängnisverhütende Pille einnehmen.16 Technisch liegt bei Einnahme der Pille die Entscheidung für oder gegen ein Kind in der Ehe bei der Frau allein. Der Wille zur Vaterschaft beim Mann bleibt in dieser Perspektive unwirksam, und das schwächt möglicherweise im Bewußtsein aller Beteiligten einschließlich der Kinder auf die Dauer den Stellenwert von Vaterschaft. Vaterschaft könnte unter solchen kulturellen Bedingungen ähnlich irrelevant werden wie bei den von Malinowski beschriebenen Bewohnern der Trobriand- Inseln.

b}Männerzentrierte Teilkultur Idealtypisch gehört die männerzentrierte Teilkultur zu dem Wertsystem autonom männlicher Kreativität, das im Innenverhältnis der Ehe die zentrale Stellung des Mannes gegenüber der Frau legitimiert. Mitgliedschaft in den GroBgruppen der Gesellschaft wird durch den Mann an Frau und Kinder vermittelt, weil nur der Mann Mitglied in der außerfamilialen Männergruppe ist. Diesem Idealtyp entspricht recht gut die Berufswelt der Industriegesellschaft Japans, in der deutlich sichtbar sozialer Status auf der sozialen Beziehung zwischen Männern beruht.17 Wendet man diesen Idealtyp jedoch auf die Berufswelt in westlichen Industriegesellschaften an, so scheitert die Zuschreibung von Kreativität an die Männergruppe einmal an der Technik- und Bürokratieabhängigkeit des isolierten Individuums und sodann, wo dies nicht zutrifft, an fehlender Solidarität innerhalb der Männergruppe, die gerade in Japan als soziale Heimat des männlichen Arbeitnehmers so bedeutsam ist.
Der idealtypisch im Bereich des Wertsystems formulierte Anspruch auf autonome Kreativität der Männer wird durch Fremdbestimmtheit und InteressenkonQikte auf der Ebene des Realtyps unglaubwürdig. Die Vermittlung von Mitgliedschaft an Frauen und auch an Jugendliche scheitert häufig an fehlender Identifikationsbereitschaft bei diesen mit ihren Ehemännern bzw. Vätern. Die männliche Dominanz in der männerzentrierten Ehe ist daher von ganz ähnlichen Legitimationsschwächen gekennzeichnet wie der Herrschaftsanspruch der Frau in der Teilkultur fraulicher Dominanz.

c) Interaktive Teilkultur

Sowohl die frauenzentrierte als auch die männerzentrierte Teilkultur können methodisch als Verfallsformen des Idealtyps der interaktiven Teilkultur betrachtet werden. Ihr entspricht auf der Ebene der Abstammungsordnung ein bilaterales Verwandtschaftssystem. Zentrale Quelle der Kreativität ist nach dem Wertsystem dieser Teilkultur die Mann-Frau-lnteraktion. Sie setzt auf der Ebene der Großgruppenbildung in der Gesellschaft eine Männergruppe und eine Frauengruppe voraus, die je für sich einen relevanten Teilbereich der lebenserhaltenden Funktion wahrnehmen. Die Mitgliedschaft in der Gesellschaft wird über beide Gruppen bilateral vermittelt, weil jeder einzelne Mensch sich zugleich über die Männergruppe seines Vaters und über die Frauengruppe seiner Mutter zur Gesellschaft oder doch wenigstens zu der von ihm für zentral gehaltenen Teilkultur vermittelt weiß. In der interaktiven Ehe werden HandJungsstrategien zwischen Mann und Frau ausgehandelt, wobei der konkrete Inhalt der Geschlechterrollen von der Männergruppe bzw. der Frauengruppe her vorgegeben ist. Dieses in der politischen Diskussion immer häufiger als "partnerschaftlich" bezeichnete Modell ist als Idealtyp von der sozialen Wirklichkeit vor allem deshalb weit entfernt, weil es in sich solidarische und untereinander gleichwertige Männer- und Frauengruppen in der Wirklichkeit der Industriegesellschaften der Gegenwart kaum gibt. Noch nicht einmal politische Bemühungen, sie zu schaffen, sind erkennbar. Statt dessen wird vielfach unter Hinweis auf einen den Männern analogen Kreativitätsanspruch betrieben, daß Frauen immer zahlreicher in traditionelle Männergruppen der Berufswelt und der Streitkräfte aufgenommen werden. Diese Tendenz müBte in der Forschung, die nicht rein konformistisch sein will, mit besonderer Skepsis verfolgt werden. An ihr scheitert nämlich möglicherweise überhaupt die Funktionsteilung zwischen Männer- und Frauengruppen in Industriegesellschaften, und die Produktivitätsvorteile der bilateralen Abstammungsordnung verlieren sich als Folge davon möglicherweise ebenso wie diese selbst. In einer von ihrer sozialen Umwelt isolierten Ehe könnten Mann und Frau dann bestenfalls noch sozialpsychologische Effekte des Spannungsausgleichs durch Metakommunikation über Konflikte zu erreichen suchen, deren Lösung nur auf der Ebene der Großgruppen möglich wäre. Um aber solche Zusammenhänge in der empirischen Forschung sichtbar machen zu können, braucht man ein ausgearbeitetes theoretisches Konzept auf der Grundlage der Mehrebenenanalyse.

6. Matrilinearität als das wahrscheinlichere Modell?

Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich in der Bundesrepublik Deutschland ein kaum bemerkter Wandel im Verständnis von Verwandtschaft vollzogen. Zur 11lustration mögen die folgenden beiden Fallbeispiele dienen:

1. Birgit: Die zwanzigjährige Birgit wohnt am Rande einer norddeutschen Großstadt in einem kleinen Einzelhaus mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester. Von ihrem Freund, einem jungen italienischen Gastarbeiter, hat sie einen Sohn, der einige Monate alt ist. Verheiratet sind Birgit und ihr italienischer Freund nicht. Gegen den schwächer werdenden Widerstand von Birgits Vater haben Birgit und ihre Mutter es durchgesetzt, daß der junge Italiener ebenfalls in dem Hause von Birgits Eltern wohnt.

2. Gerda: Die fünfundzwanzigjährige Gerda studiert in einer süddeutschen Großstadt und erwartet ein Kind von einem um zehn Jahre älteren Musiker. Der Musiker verlangt die Abtreibung, in die Gerda zunächst auch einwilligt. Ein Gespräch mit einer religiös engagierten Freundin stimmt Gerda dann jedoch um, und sie beschließt, gegen den erbitterten Widerstand des Musikers, das Kind zur Welt zu bringen. Sie findet Verständnis und Unterstützung bei ihrer geschiedenen Mutter und bei ihren ebenfalls erwachsenen Geschwistern. Ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder, der auch studiert, zieht mit Gerda zusammen in eine kleine Wohnung, und Bruder und Schwester bereiten sich gemeinsam auf die Geburt und Betreuung des Kindes vor.

In beiden Beispielen handelt es sich darum, daß nichteheliche Kinder zur Welt kommen. Mit wem werden diese Kinder eigentlich verwandt sein? Birgits kleiner Sohn hat in seiner Nähe die Großeltern mütterlicherseits, bei denen er aufwächst, und er hat mindestens potentiell irgendwo in Italien Großeltern väterlicherseits. Ob die den kleinen Norddeutschen jemals kennenlernen und ob sie ihn dann als ihren Enkel auch anerkennen werden, ist durchaus ungewiß. Da Birgit und ihr italienischer Freund nicht verheiratet sind, erhält der kleine Sohn den Familiennamen seiner Mutter und wird dadurch auch äußerlich sichtbar Mitglied von Birgits Familie. Er wird vermutlich nicht Mitglied der Familie seines Erzeugers. Im Falle der fünfundzwanzigjährigen Gerda ist es ganz offensichtlich, daß das neugeborene Kind der Familie seines Erzeugers nicht angehören wird. Gerda steht es rechtlich frei, bei der Geburt den Namen des Vaters ungenannt zu lassen, so daß der Musiker in den Personalpapieren des Neugeborenen nicht auftaucht. Wenn unsere Rechtsordnung die Möglichkeit offenhält, daß ein Kind den Namen seines Erzeugers niemals erfährt, daß in seiner Geburtsurkunde nur die Mutter genannt ist, dann folgt daraus, daß unter uns Mitbürger leben, die nur Verwandte mütterlicherseits, jedoch keine Verwandten väterlicherseits haben. Dazu kommt es nicht nur durch nichteheliche Geburten, also weil eine Ehe gar nicht erst bestanden hat, sondern auch durch das nachträgliche Entfallen einer Ehe durch Ehescheidung In der Praxis bleiben kleinere Kinder nach einer Scheidung meistens bei der Mutter, so daß die verwandtschaftlichen Bindungen zur Familie des Vaters problematisch werden oder ganz verloren gehen können. In der Bundesrepublik Deutschland leben mehr als 600.000 alleinerziehende Mütter, die ohne Beteiligung eines Mannes ihr Kind oder ihre Kinder betreuen. Der Typ einer matrilinearen Abstammungsordnung, der ohne Ehe und ohne Vaterschaft unbegrenzt existieren kann, und den unsere Fallbeispiele illustrieren sollen, ist in der Bundesrepublik legal geworden. Es wäre gewiß interessant, im Rahmen der Sozialforschung regelmäßig Daten darüber zu erheben, ein wie großer Anteil der Bevölkerung diesem Verwandtschaftstyp zugerechnet werden muß.18
Der Zerfall der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland in Angehörige verschiedener Teilkulturen zeigt sich auch an der Einstellung zur Frage der Sexualnormen. In einer Befragung des EMNID-lnstituts zum Thema "Ehe und Familie 1977" vom März 1977 wurde einer repräsentativen Auswahl von Bewohnern der Bundesrepublik die Frage vorgelegt: "ich lese Ihnen jetzt zwei Aussagen vor. Sagen Sie mir bitte jeweils, ob Sie dem zustimmen oder nicht zustimmen? Eine volle geschlechtliche Beziehung zwischen Mann und Frau setzt eine gültige Ehe voraus." Ihre Zustimmung gaben 54 % der Befragten, dagegen erklärten 44 %, nicht zustimmen zu wollen. Der entsprechende Wert ist erheblich höher in der jungen Generation der noch nicht Dreißigjährigen, wo er auf 62 % ansteigt. Außerdem hängt er von der Schulbildung der Befragten ab. Von den Absolventen eines Gymnasiums oder einer Hochschule sagen 61 %, daß sie nicht zustimmen.19 Nun ist freilich. damit nicht gesagt, daß die Betreffenden ihre Einstellung lebenslänglich beibehalten. Daher könnte die hier entwickelte Typologie auch der Zuordnung von Lebensphasen zu einzelnen Teilkulturen dienen. So ließe sich z.B. die Hypothese formulieren, daß männliche Gymnasialschüler und Studenten wegen der Verzögerung ihrer Aufnahme in das Berufsleben als Teenager und Twens der matrilinearen Teilkultur zuneigen, um zwischen 30 und 40 als etablierte Akademiker zu Anhängern der MZ- oder der MF-Kultur zu werden. Eine solche Konversion würde häutig mit einem Wechsel der Partnerin einhergehen, weil zur MZoder MF-Orientierung eine Frau nicht paßt, die offensichtlich für permissive Sexualnormen eintritt. Jedenfalls bietet diese Hypothese eine vorläufige Deutung der Beantwortung, welche die genannte EMNID-Frage bei Jüngeren und bei Gebildeteren auslöste.
Um aber Aussagen über die Wirklichkeit der privaten Lebensformen und über die Dynamik ihres Wandels in der Bundesrepublik Deutschland machen zu können, brauchen wir Daten, die es bisher nicht gibt. Eine empirisch gehaltvoüe Typologie—die von der hier zur Diskussion gestellten ganz verschieden sein mag—stellt die Voraussetzung dafür dar, daß über längere Zeit hinweg repräsentative Daten zu : der Frage gesammelt werden können, wie sich die Bevölkerung prozentual auf die :verschiedenen Typen privater Lebensformen verteilt, welche Abstammungsordnung zu-, welche abnimmt, und ob wir uns auf dem Weg zur matrilinearen Gsellschaft befinden oder nicht.

Anmerkungen
I Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht der Sachverständigenkommission für den Drttten Familienbericht,in: Deutscher Bundestag 8 .Wahlperiode'Drucksache 8/3120 20.8.79, S. 4.
2 Ebd.
3 Ebd. S .26.
4 Elizabeth von der Ohe, University of Maryland, University College, Munich Campus, Brief an H.J. Helle vom 31.7.79. s Frauen nicht als Soldaten, Duisburg/Bonn (AP), in: DIE WELT Nr. 155 vom 7.7.80, S.2.
6 Zitiert in: Elisabeth Beck-Gernsheim, Männerrolle, Frauenrolle - aber was steht dahinter? in: Koland Eckert (Hrg.), Geschlechtsrollen und Arbeitsteilung, München 1979, S. 165-201,S.170.
7 Vgl. die analoge Argumentation für das Sexualverhalten bei: Robert Meyners and Claire Wooster,Sexual Style,New York,London 1979,S. 3.
8 Zum soziologischen Wertbegriff siehe: Neil 1. Smelser, Theory of Collecitve Behavior, New York, London, 19675, S. 2s.
9 William Lloyd Warner, The Living and the Dead; A Study of the Symbolic Life of Americans New Haven 1959,in Auszügen nachgedruckt als: The Family of God New Haven 1961.
10 David F. Aberle, Matrilineal Descent in Cross-cultural Perspective, in David M. Schneider KathleenGough(Hrg.),Matrilineal Kinship,Berkeley,LosAngeles 1962,S.655-727,S.670.
11 Ebd., S.661.
12 Ebd.,S. 680.
13 Ebd., S. 668.
14 Ebd ., S. 677, Tabelle 17 4.
15 Gerd Reinhold, FamOie und Beruf in Japan - Zur Identitätsbildung in einer asiatischen I ndustriegesellsc traft, Berlin 1981.
16 Bericht der Sachverständigenkommission der Bundesregierung—Dritter Familienbericht Zusammenfassender Bericht, in: Deutscher Bundestag, 8. Wahlperiode, Drucksache 8/3120 20.8.79, S. 43.
17 Gerd Reinhold a.a.O.
18 Vgl.: Horst Jürgen Helle, Familien, Kulturtypen und Wertsysteme, in: Zeitschrift für Politik,27. Jg. (März 1980), S. 18-43.
19 EMNID-lnstitut, Ergebnisse der Spezialfragen zum Thema: EHE UND FAMILIE 1977, Bielefeld,März 1977,Tabelle 126.


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